SHIKANTAZA

Shikantaza bedeutet, mit Körper und Geist zu erkunden. Dem Rat des Buddhas entsprechend, selbst zu prüfen, zu erforschen.
Was zu erkunden?
Was es bedeutet, hier in der Welt zu leben, mit Körper und Geist, würde ich sagen.
Die Erkundung setzt konkret am Nächstliegenden an: bei uns selbst.

Shikantaza – nur Zazen, so wird es meist übersetzt. Dieses „nur“ ist nicht einschränkend, es bedeutet, nicht auszuweichen. Und tätig zu werden, in unmittelbarer Berührung, mit dem was ist, also mit der ganzen Welt.

Was tun, mit diesem Körper, diesem Geist? Wie atmen? Schon da wird deutlich, dass wir kein abgetrennt für sich existierendes „Etwas“ sind.

Besondere persönliche Fähigkeiten wie Kraft, Intelligenz etc. sind unerheblich, notwendig ist lediglich völlige Hingabe. Und das ist nicht so leicht. Es erfordert Mut, wie ein heutiger Zen-Meister, Philippe Coupey Reiryu anmerkt, in seinem Kommentar zum „Fukanzazengi“ von Meister Dogen, der im 13. Jahrhundert beschreibt, wie seit urdenklichen Zeiten bis zum heutigen Tag Zazen geübt wird.

Za heißt Sitzen. Zen heißt Sammlung, Meditation – es ist die japanische Aussprache des Schriftzeichens für chinesisch chan, für sanskrit dhyana.

Mut verlangt diese Übung, weil man sich dabei auf nichts stützt, weder innen noch außen, auf keine Vorstellung, keinen Gedanken. Vielmehr richtet man sich auf, im Lot, was allumfassende Gegenwärtigkeit voraussetzt. Diese Aufrichtung äußert sich auch in der Haltung des Geistes. Das Gleichgewicht ist kein Zustand, den man einmal erlangt, sondern entspringt dem beständigen Abgleich mit allem um uns, mit allen, mit denen wir gemeinsam auf der Welt sind.

Mit Körper und Geist inne werden, was uns lebendig macht, heißt auch, zur Quelle aller Werte zurückzukehren, die ein Leben als Mensch ausmachen, über alle Begrifflichkeit hinaus.

Somit ist Zazen, die Erfahrung von Zazen, sowohl Ausgangspunkt als auch Prüfstein für unser Tun, Sprechen, und Denken.

Hinwendung zur Welt kennzeichnet den Bodhisattva Avalokitesvara, der alle Lebewesen befreit, indem er im Erkennen der Wirklichkeit die Große Weisheit – Prajna Paramita, Maka Hannya – ausübt. Darin unterweist er/sie – der Bodhisattva hat kein festgelegtes Geschlecht – im Herz-Sutra den Schüler Buddhas Sariputra.

Die Praxis von Zazen ist von universeller Tragweite, für alle bestimmt, von unabsehbarer Wirkung, und deshalb „ohne Verdienst“, nicht greifbar, sie beinhaltet keine Vorstellung eines Ziels oder Gewinns.

Wirkungen, Erfahrungen lassen sich zwar beobachten, doch wenn man sie aus dem Zusammenhang des lebendigen Stroms der von Mensch zu Mensch weitergegebenen Praxis herauslöst und zu Zielen macht, mag das in wissenschaftlicher oder therapeutischer Hinsicht von Interesse sein, doch mit der Einengung auf einen Zweck wird die Verbindung zur Quelle abgetrennt, zu shikantaza.

Als ich Meister Deshimaru traf, der diese Praxis nach Europa brachte, war es vielleicht diese unbehinderte Lebendigkeit, die in mir den Eindruck wachrief, zum ersten Mal einem richtigen Menschen begegnet zu sein.

Bertrand Schütz
Zen-Mönch

Januar 2014